Das Festival für Alte Musik Fulda etabliert sich als neuer Treffpunkt für historische Aufführungspraxis in Deutschland. Vom 30. April bis 3. Mai bringt das Festival internationale Künstlerinnen und Künstler sowie junge Talente zusammen und macht Fulda zu einem Zentrum für Alte Musik.

Im Fokus stehen Konzerte, Workshop-Formate und innovative Vermittlungsansätze, die Alte Musik nicht als museales Repertoire präsentieren, sondern als lebendige Klangsprache. Werke der Renaissance und des Frühbarock entfalten dabei ihre Wirkung im Kirchenraum – getragen von historischer Instrumentaltechnik, vokaler Präzision und einem sensiblen Umgang mit Raum und Akustik.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Verbindung von künstlerischer Exzellenz und Nachwuchsförderung: Im Workshop-Format „4×4 Goldene Jubilare“ erarbeiten Teilnehmende mehrchörige Werke, Diminution und Ensemblekultur und bringen diese Ergebnisse unmittelbar zur Aufführung.

Das Festival setzt damit ein klares Zeichen für die Zukunft der Alten Musik: als lebendige Praxis zwischen Forschung, Interpretation und künstlerischer Gegenwart.

Konzerte

Auftaktkonzert - Weckmanns Collegium Musicum

Mit dem Programm „Collegium Musicum“ eröffnet das Weckmann-Consort das I. Festival für Alte Musik in Fulda in der Christuskirche. Der Titel steht für die historische Idee gemeinschaftlichen Musizierens auf hohem Niveau – neugierig, präzise und voller Ausdruck. Genau diese Mischung prägt den Abend: fein ausgehörte Ensembleklänge, die charakteristischen Farben historischer Instrumente und eine Musizierhaltung, die den Kirchenraum konsequent zum Klingen bringt. Unter der Leitung von Organistin Lea Suter musizieren internationale Musiker*innen u. a. mit Sopran (Bettina Pahn), Barockvioline, Zink, Barockposaune, Viola da Gamba und Dulzian – mit Werken von Weckmann, Palestrina, Frescobaldi und Cavalli. Das Publikum erwartet ein Abend, der künstlerische Exzellenz und unmittelbare Wirkung verbindet – ein starker Auftakt für ein Festival, das Fulda als Standort für Alte Musik nachhaltig profilieren will.

Gottesdienst

Die Teilnehmenden des IV. Workshops für Alte Musik gestalten am 3. Mai den Gottesdienst im Dom zu Fulda musikalisch mit. Unter der Leitung von Wim Becu übernehmen sie sowohl instrumentale als auch vokale Aufgaben und bringen die Ergebnisse der intensiven Probenarbeit unmittelbar zur Aufführung. So wird die im Workshop erarbeitete historische Aufführungspraxis in einen lebendigen liturgischen Zusammenhang überführt: Die Musik entfaltet ihre Wirkung nicht als isoliertes Konzert, sondern als integraler Bestandteil des Gottesdienstes – getragen von stilistischer Präzision, gemeinsamer Verantwortung und unmittelbarer Präsenz im Raum.

Abschlusskonzert - Fulda klingt mehrchörig

Am Ende steht nicht nur ein Konzert, sondern ein hörbares Ergebnis: Beim Abschlusskonzert präsentieren die Teilnehmenden des IV. Workshops für Alte Musik in Fulda in der Christuskirche Fulda die künstlerischen Resultate der Workshop-Tage. Dieses Konzert ist der Moment, in dem Werkstattarbeit zur Bühne wird: Aus Proben, stilistischer Feinarbeit und intensivem Ensemblespiel entsteht ein Programm, das Alte Musik unmittelbar und lebendig zeigt – nicht als abstrakte Theorie, sondern als Klang, der den Raum erfüllt. Für das Publikum ist es zugleich eine seltene Perspektive: Man erlebt, wie historische Musikpraxis heute erarbeitet wird und wie sich aus Detailarbeit Ausdruck, Balance und gemeinsame musikalische Sprache formen. Gerade diese Verbindung aus Vermittlung, Nachwuchsförderung und Konzertqualität macht den Charakter des Fuldaer Formats aus – und stärkt die überregionale Ausstrahlung eines Festivals, das sich dauerhaft etablieren will. Teilnehmer des Workshops "4x4 Goldene Jubilare" für Alte Musik Leitung: Wim Becu

Coffee-Lectures

Im Rahmen eines 20-minütigen Impulsvortrags rücken wir jeweils ein Thema in den Mittelpunkt und beleuchten es aus unterschiedlichen Perspektiven.

Die Dozentinnen und Dozenten stellen dabei ihre fachspezifische Sichtweise auf das Thema Diminution vor – in konzentrierter, zugänglicher Form und im informellen Rahmen bei einer Tasse Kaffee.

Ausgehend vom Prinzip des Elevator Pitch besteht die Herausforderung darin, die zentralen Aspekte der eigenen künstlerischen und analytischen Perspektive so zu vermitteln, dass sie auch für fachfremde Zuhörende unmittelbar verständlich und überzeugend sind – so prägnant wie während einer kurzen Aufzugsfahrt.

Diminutionen in der Tanzmusik - Coffee Lecture mit Carla Linné

Freitag, 1. Mai, Domchor Fulda, Eduard-Schick-Platz 3, 36037, Fulda

11:15 Uhr: Coffee Lecture mit Carla Linné

Diminutionen in der Tanzmusik

In dieser Coffee Lecture geht es um Diminution als Motor der Tanzmusik. Carla Linné erzählt hier über Barocktanz. So wird hör- und sichtbar, wie Bewegung, Artikulation und Verzierung einander wechselseitig prägen.
Die Barockgeigerin und Tänzerin möchte den Workshopteilnehmern und den Besuchern der Coffee Lecture damit einen praktischen Zugang zu tänzerischem Puls, stilgerechter Auszierung und musikalischer Körpersprache eröffnen — und sie einladen, Tanzmusik nicht nur zu spielen, sondern aus ihrer Bewegung heraus zu verstehen.

Freitag, 1. Mai, Domchor Fulda, Eduard-Schick-Platz 3, 36037, Fulda

17:30 Uhr – Coffee Lecture mit Josquin Piguet und Juan González Martíez

Diminution & Consort-Kultur 

Wenn Diminution auf Consort-Kultur trifft, entsteht Improvisation als Kunst des gemeinsamen Hörens — denn Consort-Spiel meint nicht nur, zusammen zu musizieren, sondern miteinander zu kommunizieren, zuzuhören, zu kommentieren, zu fragen und zu antworten.
Josquin Piguet und Juan González Martínez beleuchten diese Praxis aus der Perspektive von Zink und historischer Posaune und erläutern, wie sich in einer solchen Kommunikation Linien ausschmücken lassen, ohne Klangbalance, Satzstruktur und Ensembleatem zu verlieren.
Die Coffee Lecture verbindet also Quellenbewusstsein mit lebendiger Spielpraxis im mehrstimmigen Musizieren, als Impuls für alle, die Verzierung nicht solistisch, sondern als Teil eines gemeinsamen Klangkörpers begreifen wollen.

Samstag, 2.Mai, Domchor Fulda, Eduard-Schick-Platz 3, 36037, Fulda

11:15 Uhr – Coffee Lecture mit Bettina Pahn

Diminution & Rhetorik

Diminution ist nicht bloß Ornament, sondern ein Mittel musikalischer Rede: Dies zeigt die Sopranistin Bettina Pahn in dieser Coffee Lecture in Worten und Klangbeispielen, richtet den Blick der Workshopteilnehmer und Besucher auf Rhetorik, Affekt und die Ausdruckskraft historischer Verzierungspraxis.
Denn jedem Musiker, jedem Komponisten war im 16.-18. Jahrhundert wohlbewusst, wie Verzierungen Bedeutung schärfen, Sprachgestus tragen und musikalische Argumentation formen, und so galt seinerzeit Diminution nicht als dekorativer Zusatz, sondern als präzise gesetzte Kunst des Sprechens in Tönen.
Eine Coffee Lecture über die Verbindung von Stil, Textnähe und klanglicher Überzeugungskraft.

Samstag, 2. Mai, Hochchor Dom zu Fulda, Domplatz 1, 36037 Fulda

17:15 Uhr – Coffee Lecture mit Lea Suter

Diminution & Notation

Inwiefern, inwieweit wird Diminution notiert – und wie viel bleibt bewusst offen? Was kann man über das Verhältnis von Schriftbild, Überlieferung und klingender Realisation sagen?

Das sind Fragen, die unter Fachleuten schon seit der Wiederbelebung der Musik des (Früh-) Barock heiß diskutiert werden — auf die es aber inzwischen so einige konzise Antworten gibt.

Lea Suter nähert sich diesen Fragen in einer Coffee Lecture im Chor des Hohen Doms zu Fulda über die historische Notation an, sowohl aus der Perspektive von Forschung als auch aus der von künstlerischer Praxis und zeigt den Teilnehmern anhand praktischer Übungen mit Stimmbüchern, wie Notation Orientierung gibt, Freiräume eröffnet und stilistische Entscheidungen herausfordert.
Ein Vortrag für alle, die Quellen nicht nur lesen, sondern musikalisch zum Sprechen bringen möchten

Sonntag, 3. Mai, Domchor Fulda, Eduard-Schick-Platz 3, 36037, Fulda

 11:30 Uhr — Coffee Lecture mit Clemens Schlemmer, Lea Suter & Teilnehmern des Workshops

Diminutionen & Harmonie

Harmonie bildet das unsichtbare Gerüst jeder gelungenen Diminution — auch, wenn sie von den Hörern im Diminutionengetümmel manchmal kaum bewusst wahrgenommen wird.
Clemens Schlemmer und Lea Suter zeigen hier aus der Perspektive von Dulzian, Tasteninstrument und historischer Praxis, wie Verzierungen aber dennoch erst aus dem harmonischen Verlauf heraus verständlich, schlüssig und klanglich tragfähig werden. Dabei rückt das Zusammenspiel von Satz, Bassfundament und improvisatorischer Linie in den Mittelpunkt.
Eine Coffee Lecture über die Kunst, Freiheit im Ornament aus der Logik der Harmonie zu gewinnen. 

Werkstatt für Mehrchörigkeit, Diminution und Consort-Kultur

Das Weckmann-Consort steht fuer Frühbarock als Gegenwart: rhetorisch pointiert, historisch informiert und quellenbasiert. Unter der künstlerischen Leitung von Lea Suter entstehen Programme, die die Affekte dieser Musik unmittelbar erfahrbar machen.

Das Weckmann-Consort lädt gemeinsam mit dem Barockposaunisten Wim Becu (Barockposaune, Ensembleleitung) und der Sopranistin Bettina Pahn (Gesang) zum I. Festival für Alte Musik und einem intensiven Workshop-Wochenende nach Fulda ein. Im Mittelpunkt stehen Meisterwerke der deutschen und italienischen Vokalpolyphonie – von der Renaissance-Idiomatik über die Blüte der Mehrchörigkeit bis zu den Anfängen der Monodie mit historischen Instrumenten erlernen, erproben und erleben. Dabei wird der Raum selbst zum „Co-Dozenten“: Klangbalance, Artikulation und Textverständlichkeit werden im realen Kirchenraum unmittelbar erlebbar.

Unter dem Motto „4×4 Goldene Jubilare“ feiern wir vier Komponisten, die den Kulturtransfer zwischen Italien und Deutschland exemplarisch verkörpern und die Musizierpraxis des 17. Jahrhunderts prägen: Francesco Cavalli, Sebastian Knüpfer, Daniel Selichius und Francesco Rognoni. Der Schwerpunkt liegt auf der concertierenden Kirchenmusik, mehrchöriger Klangarchitektur sowie der Kunst der Diminution/Verzierung als historisch informierter Improvisationspraxis – stets mit dem Ziel, dass diese Musik nicht museal, sondern zwingend lebendig wirkt. Ergänzend öffnet ein Blick auf frühe dramatische Formen (u. a. im Umfeld Cavalieris) die Perspektive auf Textdrama, Prosodie und Affektführung.

Der Kurs richtet sich an fortgeschrittene Amateur:innen, Studierende und Profis, die sich in der Alten Musik weiterbilden möchten – insbesondere in Gesang, Zink, Barockposaune, Violine, Viola da Gamba, Blockflöte und Dulzian. Gearbeitet wird in Gruppen- und Einzelunterricht mit Fokus auf Ensemblekultur, Mischklang, rhetorischer Textarbeit, historischer Notation und stilgerechter Verzierung.