4×4 Goldene Jubilare der Vokalpolyphonie

Fulda 30. April – 3. Mai 2026: Werkstatt für Mehrchörigkeit, Diminution und Consort-Kultur

Die Wiederentdeckung frühbarocker Vokalpolyphonie ist längst nicht mehr nur eine Frage historischer Neugier. Sie ist ein Prüfstein dafür, wie präzise wir heute musikalische Sprache verstehen: Text als Motor, Linie als Verantwortung, Raum als Partner. Genau hier setzt der Fuldaer Workshop „4×4 Goldene Jubilare der Vokalpolyphonie“ an: vier Tage konzentrierter Ensemblearbeit, in denen sich italienische Concerti, Rezitative und Kantaten, mitteldeutsche Mehrchörigkeit und die Kunst der Diminution als zusammenhängendes Handwerk erschließen.

Das Dozententeam ist dabei international besetzt: Wim Becu übernimmt mit Barockposaune und Ensembleleitung den strukturellen Kern: jene Balance zwischen Klangarchitektur und Detailarbeit, ohne die Mehrchörigkeit im Raum zur bloßen Lautstärke-Übung verkommt. Seine Perspektive ist dabei eminent praktisch: Atemführung, Artikulationskultur und das Hören in Schichten – also die Fähigkeit, gleichzeitig Linie, Harmonik und Raumantwort im Blick zu behalten, das zum vokalen Klang führt und Sänger und Instrumentalisten sich wechselseitig beeinflussen.

Vokal steht dem die Arbeit von Bettina Pahn gegenüber, die den frühbarocken Zugriff konsequent aus der Rhetorik entwickelt: Textdeklamation als klangbildende Kraft, Prosodie als Formprinzip und Verzierung nicht als Zutat, sondern als logische Fortsetzung des Sprechens im Ton. Gerade in einer Zeit, in der vokale Virtuosität häufig von der Textintelligenz getrennt wird, wirkt dieser Ansatz wie eine notwendige Korrektur – und eröffnet Sänger:innen wie Instrumentalist:innen ein gemeinsames Vokabular.

Den Rahmen und das klangästhetische Profil prägt das Weckmann-Consort. In der Arbeit von Lea Suter verbinden sich Orgelpraxis, Quellenkompetenz und historische Notation zu einem entscheidenden Parameter: Wer frühbarocke Musik überzeugend musizieren will, muss nicht nur „richtig“ spielen, sondern informiert entscheiden. Notationsfragen, Stimmenorganisation und Klangdramaturgie werden damit nicht akademisch, sondern als handfeste Werkzeuge begriffen, die am Ende hörbar werden.

Ein Schwerpunkt des Workshops liegt auf der Verzierungskunst als praktischer Improvisationskompetenz. Juan González Martínez (Barockposaune & Diminution) steht für eine Diminutionspraxis, die den instrumentalen „Flow“ mit stilistischer Präzision verbindet: Figurenvokabular, Affektlogik und Harmonieverständnis greifen ineinander. Ergänzt wird diese Perspektive durch Josquin Piguet (Zink & Diminution), dessen Instrument per se an der Grenze von Stimme und Bläserklang operiert – und damit ideal ist, um Diminution als „sprechendes“ Spiel zu vermitteln: mit Fokus, Kern und einer Artikulation, die sich im Raum behauptet, ohne zu drücken.

Dass der Workshop nicht in Einzeldisziplinen zerfällt, zeigt die Besetzung der Consort-Expertise: Christine Vogel (Viola da Gamba & Consort) bringt jenen Sinn für innere Stimmen und Klangmischung ein, der in historischer Ensemblepraxis häufig unterschätzt wird, aber über Kohärenz und Stabilität entscheidet. Gambe ist hier nicht „Begleitung“, sondern eine Instanz für Linienführung und Textur – besonders im Zusammenspiel mit Continuo und Oberstimmen. Clemmens Schlemmer (Dulzian & Consort) ergänzt diese Klangstatik von unten: Der Dulzian ist im Frühbarock nicht bloß Fundament, sondern ein farbprägender Träger von Artikulation und Impuls. Wer die „Gravität“ dieser Musik wirklich versteht, lernt sie oft zuerst an der Basslogik.

Besonders klug ist schließlich die Einbindung von Bewegung und Gestik als historischer Parameter. Carla Linné (Violine & Tanz) steht für den Zusammenhang von musikalischer Sprache und Körperlichkeit: Tanz ist im Frühbarock kein Genre-Nebenraum, sondern ein Ordnungsprinzip von Puls, Phrasierung und Affekt. Für Violinist:innen ergibt sich daraus eine unmittelbare Konsequenz: Strich, Akzent und Rhetorik sind nicht abstrakt, sondern aus Schritt, Gewicht und Raumgefühl ableitbar. Für Sänger:innen und Bläser:innen wird diese Perspektive zum Schlüssel, wenn es darum geht, „Affekt“ nicht zu behaupten, sondern physisch plausibel zu machen.

So entsteht eine Werkstatt, die ihre fachliche Tiefe nicht aus Terminologie bezieht, sondern aus praktischer Verbindlichkeit. Mehrchörigkeit wird als Raumdisposition verstanden, Diminution als organisierte Improvisation, die zur Freiheit führt, Consort als Mischkunst, Notation als Entscheidungssystem – und all das mit dem Anspruch, dass historische Aufführungspraxis nicht museal, sondern dringlich wirkt. Wer in Fulda arbeitet, arbeitet nicht an „Stil“, sondern an musikalischer Gestaltung: im Klang, im Text, im Raum.

Dozent:innen
Wim Becu – Barockposaune, Ensembleleitung ·

Bettina Pahn – Gesang ·

Weckmann-Consort:

Lea Suter – Orgel & historische Notation ·

Juan González – Barockposaune & Diminution ·

Josquin Piguet – Zink & Diminution ·

Christine Vogel – Viola da Gamba & Consort ·

 Carla Linné – Violine & Tanz ·

Clemens Schlemmer – Dulzian & Consort